Ein- und Auspacken - oder Gedanken über

das Zuvor und Danach

Bisher ist es so gelaufen:

wenn ich verreiste, packte ich meine sieben Sachen, schloss die Haustür und machte mich auf den Weg. Wenn ich zurückkam, schloss ich die Wohnung auf, packte den Koffer aus und setzte mich mit Kaffee oder einem Gin Tonic (je nach Tageszeit) gemütlich hin und entspannte.

Ja, so war es - vor der Ära Campingbus.

Nun beginnen die Vorbereitungen bereits einiges früher (selbst wenn es nur um eine Übernachtung geht). Der Menuplan wird aufgestellt, es wird geputzt, Ölstand, Gasflasche und Scheibenwischerwasser werden kontrolliert und es wir besprochen,

 

was alles mit muss. Braucht es Berg- oder nur Badeschuhe, Wanderstöcke, Regenjacken oder werden lieber die Fahrräder mit eingeladen? 

Und dann beginnt einmal mehr das Verhandeln: Braucht es König Franz, das Klo? Und wenn König Franz mitkommt, kann allenfalls auf anderes verzichtet werden? Können die siebzehn mitgeführten Schraubenschlüssel auf sechs reduziert werden und wofür brauchen wir ein Zehnmeterseil? Ist das Nähset im Wunderversorgungsset unabdingbar, kann auf den Grill verzichtet werden und brauchen wir vier Rucksäcke?

 

Eine wunderbare Gelegenheit, seine Kommunikationsfähigkeiten zu schulen (so vermeide man tunlichst die Ausdrücke 'immer' und 'nie', halte sich an ich-Botschaften, stelle Fragen, vermeide Interpretation... das Übliche eben, was auch sonst im Leben Anwendung finden sollte) und seine Toleranz. Ein jeder hat Dinge, die unbedingt mitmüssen und es ist nicht zwingend notwendig, dass der andere diese Dringlichkeit versteht. So muss mein Laptop mit, immer, auch wenn ich ihn zuweilen kein einziges Mal brauche und meinem Liebsten ist es nur wohl, wenn er Kleider für alle Witterungen dabei hat.

 

Überhaupt ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese neue Art des Unterwegsseins die eine oder andere soziale Kompetenz, wie Team-, Kritik- und Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit oder Eigeninitiative durchaus fördern kann.

 

Aber irgendeinmal ist alles gepackt und wir tuckern los. Mir gefällt, sitze ich viel höher als in meinem Auto, ich sehe weiter, habe, so kommt es mir fast vor, den Überblick. Was eine recht gewagte und schon fast überheblich anmutende Ansicht ist. Mir gefällt auch das Gefühl von Erwartung und Vorfreude und ich mag es, im Bus kalten Kaffee zu trinken, Musik zu hören und den Alltag mit seinen Verpflichtungen hinter mir zu lassen. So wird jeweils auch das Natel während dieser Tage nur sehr sporadisch eines Blicks gewürdigt.

 

Und schwupps, die Freiheit hat ein Ende und schon steht man wieder vor der eigenen Haustür. Schleppt Kehrichtsäcke, Taschen, Säcke, Kühlboxen, König Franz, Jacken, leere Tupperware-Dosen und schmutzige Socken vom Bus in die Wohnung, die bald aussieht, als hätte eine kleinere Bombe eingeschlagen. Der leere Bus bietet auch keinen sehr erfreulichen Anblick. Dreck, Brosamen, Reiskörner, Weinflecken, Erde, Kieselsteine, Flyers zu Bergbahnen oder Wanderungen wollen zusammengekehrt werden. Das Abwasser muss abgelassen, die mit Fliegenleichen übersäten Scheiben gereinigt und Boden und Küche geschrubbt werden.

 

Nüchtern betrachtet, ist es ein umständliches und zeitaufwändiges Reisen (und extrem billig ist es schlussendlich auch nicht).

 

Aber es ist erlebnisreich, intensiv und hinterlässt unzählige bereichernde Erinnerungen für alle Sinne: Der erste Schritt am Morgen aus der 'Behausung' und unten den nackten Füssen fühlst du nicht Beton, sondern es erwartet dich ein weicher Waldboden, Vogelgezwitscher und der Duft nach Tannnadeln. In den Schlaf singt dich der Wind und frühmorgens erfüllt Kaffeeduft nicht nur dein ganzes Zuhause, sondern deine ganze Welt. Dazu gesellt sich dieses befreiende Gefühl, einen Tag, oder zwei oder drei, nichts zu müssen (weder einkaufen, die Betten frisch beziehen oder die Fenster putzen). Und so bist du der Natur und der Fülle des Lebens grad ein Stückchen näher als sonst – und das ist den ganzen Aufwand und die Plackerei vor- und nachher allemal wert.

Vom Tanzen und von Sternennächten

Natürlich wissen wir alle, dass die Sterne heller leuchten, wenn nicht rundherum Leuchtreklamen und Strassenlampen das Sternenlicht überbieten. Gleichwohl trifft einen diese Grossartigkeit zuweilen unverhofft und überraschend.

So erging es mir, als ich in einer kühlen Nacht hin und her überlegte, ob der Gang aufs Klo (nein, nicht im Bus!) bis am Morgen warten könne. Er konnte nicht. Ich schälte mich aus der warmen Decke, schlüpfte in Pulli, Hose, Schuhe, öffnete fröstelnd und schlaftrunken die Tür und dann, dann hielt ich atemlos inne.

Über mir wölbte sich ein samtschwarzer Himmel gespickt mit Sternen. Die Luft war kühl und klar, Wind spielte mit den Blättern der grossen Linde, ab und zu wehte der Duft der Blüten zu mir. Wie ein staunendes Kind stand ich still und ergriffen im feuchten Gras. Es war nicht so, dass ich nie zuvor einen ähnlich schönen Sternenhimmel betrachten durfte, aber in dieser Nacht geschah mir diese Pracht so unverhofft. Ich hatte den Eindruck, die Sterne strahlten nur für mich allein, es war, als gäbe es nur mich und dieses unendlich weite Zelt und ich fühlte mich sehr klein und doch geborgen.
 

Es sind solche Momente, die ich mir bewahren möchte, um sie irgendwann hervorholen und nachempfinden zu dürfen. Ich möchte mich erinnern können an den Duft der Lindenblüten, an den Wind auf meinem Gesicht und dieses Gefühl von Freude und stillem Glück.
 

Es gibt andere Augenblicke, die ich mich staunen lassen und die ich mir bewahren möchte.

Haben Sie gewusst, dass in einem 'Büsli', das nur über ein paar (oder sind es gar nur ein Paar?) Quadratmeter 'Wohnfläche' verfügt, sogar genug Platz ist zum Tanzen?
 

Der Regen klopfte auf das Dach, die Heizung summte, draussen war nichts als Schwärze und ich sorgte mich, ob die Stoffwände des Stelldachs dieser Wasserflut würden standhalten können. Mein Liebster 'legte Musik auf' und reichte mir die Hand. "Darf ich bitten?", fragte er und ich lachte. Schliesslich ist allgemein bekannt, dass ich nicht tanze und es erschien mir offensichtlich, dass es in einem Bus von obenerwähnter Grösse nicht genug Platz hat, um das Tanzbein zu schwingen. Aber er hielt meine Hand fest und zog mich hoch und wir schwoften in unserem warmen, gemütlichen Schneckenhaus, drehten und walzten und tanzten, bis uns so warm war, dass wir die Heizung ausschalteten und den dicken Pulli auszogen.
 

Wenn ich im Bus am Laptop sitze und schreibe, dünkt mich, dass die Energie anders fliesst als daheim. Es sind andere Gerüche, eine andere Umgebung, ein anderes Ambiente und all dies beeinflusst den Gang der Gedanken – was nicht weiter erstaunen sollte. Ob ich in der Sahara schwitze oder in der Arktis friere hat einen Einfluss auf meine Fantasie, auf meine Überlegungen, auf das, was möglich ist oder nicht. Daheim schliesse ich die Tür zum Arbeitszimmer, halte die Welt fern von mir. Im Bus ist alles näher, die Sicht nach draussen, die Wärme der Sonne oder das Rauschen des Windes. Auch mein Gefährte ist näher, er sitzt mir gegenüber und liest oder ich kann ihn draussen beim Holzspalten beobachten. Ich sehe die Kühe auf der Wiese, höre ihre Glocken, rieche das gemähte Gras, das in der Sonne trocknet. All das beeinflusst mich, ändert die Perspektive, macht Neues möglich.
 

Aber vielleicht bilde ich mir all das nur ein. Vielleicht sehe ich die Welt in der Enge dieser Schneckenhausbewohnung weiter, weil ich es so will - oder weil ich es hier zulassen darf.

 

Juli 2020



 

Von Regeln und Grenzen

Wir hatten uns also aus einer Laune heraus dieses Fahrzeug angeschafft, ohne uns weiter Gedanken darüber gemacht zu haben.

Ich freute mich auf das Unterwegssein, der Bus erschien mir recht geräumig, und da der Vorbesitzer mit zwei Kleinkindern unterwegs gewesen ist, machte ich mir über die Platzverhältnisse keine Gedanken.

Das änderte sich jedoch bei unserem ersten Wochenende schlagartig.

 

Wir beluden den Bus erwerwartungs-froh, packten Esswaren, als würden wir nicht drei Tage, sondern drei Wochen unterwegs sein.

 

Wir packten Kleider für alle Wetterlagen, Bücher und Laptop und so viele Werkzeuge, Ersatzsicherungen, Kabel, Seile, als beabsichtigten wir, monatelang durch unerschlossene Gegenden zu reisen.

Bei Boltigen richteten wir uns für die erste Übernachtung ein. Die Bank wurde nach hinten geschoben, damit der Zugang zur Küche frei war, was – natürlich - zu Lasten des hinteren Stauraums ging. Auf Bank, Fahrer- und Beifahrersitz türmten sich Schachteln und Kisten, Werk- und Bettzeug und Schuhe. Wollte man sich hinsetzen, musste zuerst der Platz freigeschaufelt werden und hatte man gar die verwegene Idee, etwas Bestimmtes zu brauchen, begann das grosse Suchen.

Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie sollten wir jemals länger unterwegs sein, wenn der Platz nicht mal für einen Wochenendausflug reichte?

‘So geht das nicht’, befand ich und wir begannen mit dem Umräumen, Umpacken, Optimieren. Am Ende des Tages war längst nicht alles perfekt (aber erträglich); zudem hatten wir eine Menge Ideen, um die Stauräume besser zu nutzen und sind noch immer am herumtüfteln.

Ich hatte mir noch weiteres nicht – oder anders – vorgestellt und merke, wie ich in mancherlei Hinsicht meine Ansichten oder Überzeugungen überprüfe oder revidiere.

 

Zum Beispiel die Sache mit dem Klo.

Wo keine Türe abgeschlossen werden kann, ist demzufolge kein Platz für ein Klo – Ende der Diskussion.

Mein Liebster schaffte gleichwohl eines an – für alle Fälle.

Der ‘Fall’ trat bereits beim nächsten Ausflug ein, als an der Wunschdestination nur übernachten durfte, wer ein eigenes WC 'an Bord' hatte. Ein grüner Flecken inmitten grosser Juratannen lud zum Verweilen ein, jeder Platz hatte eine eigene Feuerstelle, es war romantisch – hier wollte ich bleiben.

Also wurde neu verhandelt und Klo-Regeln aufgestellt, wobei diese allerdings bereits zwei Wochen später erneut modifiziert wurden, als es wie aus Kübeln goss...

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich spätestens mit einer Magengrippe bereit wäre, alle Regeln über Bord zu werfen und daher gut daran tat, nicht allzu sehr auf diese zu beharren.

Auch beim Packen gehen mein Liebster und ich die Sache nicht gleich an.

Ich reise mit einer kleinen Tasche – er braucht einen Überseekoffer: Zwei paar Wanderschuhe, Gummistiefel (der Wetterbericht verspricht Sonnenschein pur), Regenjacke, vier warme Pullis, drei Hemden und vieles mehr.

‘Brauchst du das wirklich alles?’, fragte ich säuerlich und bestand sogleich auf eine Reglementierung des Stauraums.

Es regnete – dem Wetterbericht zum Trotz – drei Tage ohne Unterbruch. Ich schlotterte in meinem Shirt, meine Stoffschuhe waren durchweicht. Mein Liebster reichte mir meine Gummistiefel, die er in seinem Gepäck mitgeschmuggelt hatte und lieh mir seinen wärmsten Pulli und eine Regenjacke. Ich rechne es ihm hoch an, enthielt er sich jeglichen Kommentars, ich hätte mir ein ‘siehst du!’ wohl nicht verkneifen können.

 

Ich hatte mir von der neuen Art des Unterwegsseins Spass erhofft, kleine Abenteuer, das Entdecken neuer Gegenden, etwas Unabhängigkeit und eine neue Freiheit.

Diese Erwartungen werden erfüllt. Ein zusätzlicher und unerwarteter Gewinn ist, dass ich auf diesen kleinen Reisen lerne, meine eigenen Grenzen etwas weiter zu stecken und dadurch hoffentlich dem Altersstarrsinn entgegenwirke und mit etwas Glück zu mehr Gelassenheit und Grosszügigkeit finde.

andere!

 

Juli 2020

In Zeiten wie diesen...

Zweifelsohne ist es ein besonderes Jahr, wobei ich die Besonderheit auch keinem anderen Jahr absprechen will.

 

Aber gleichwohl...dieses Jahr ist, man darf es ruhig sagen, noch aussergewöhnlicher als andere!

Kürzlich sass ich im Bus, ein paar Fahrgäste trugen Gesichtsmasken, im Supermarkt desinfizierte ich mir die Hände, die Frau hinter mir wartete geduldig, bis ich fertig war.

Ich denke, hätte man uns vor einem Jahr gezeigt, wie unser Alltag heute ist, hätten wir den Kopf geschüttelt und das Gesehene ins Science-Fiction-Reich verwiesen.

 

 

Die letzten Monate haben uns verändert und zum Nachdenken hat das Virus sicher alle animiert. Nachdenken über das Leben, über die eigenen Werte, über unsere Haltung, Wünsche, Erwartungen, über Beziehungen und Verhaltensmuster.

 

Wir merkten - vielleicht nachhaltiger als zuvor - dass die Zeit, die wir haben, nicht unendlich ist, dass wir heute angehen sollen, was uns wichtig ist. Dass Dinge sich ändern, schneller, als wir uns es vorgestellt haben.

Denn Reisen, Besuche, Umarmungen waren plötzlich nicht mehr möglich.

 

Vielleicht verhelfen uns diese Erfahrung zu einem sorgfältigeren Umgang mit der Zeit. Wir leben heute und das Leben sollte nicht ständig auf 'später einmal' verschoben werden.

So will eine Freundin einen Massagekurs besuchen, damit sie ihre Nächsten - allen voran ihre betagte Mutter - mit Berührungen verwöhnen kann, weil das Berührt-werden und das Berührt-sein für sie in der berührungslosen Corona-Zeit eine neue Dimension bekommen hat. Einen Freund hat die Corona-Pandemie dazu bewogen, sich vermehrt politisch zu engagieren und es gibt jene, die sich auch in Zukunft um ihre (betagten) Nachbarn kümmern wollen.

 

Fazit: Corona war nicht nur schlecht.

Eine spezielle Erfahrung war für mich, als mir klar wurde, dass Sorajas Reise (Vielleicht später - ein Roman, den das Leben schrieb) dieses Jahr nicht hätte stattfinden können. Wie hätte ich von einer Reise berichten können, die nicht stattfinden kann. Diese Erkenntnis stimmte mich nachdenklich, mehr noch, sie machte mich betroffen. Ist also nicht einmal ein Buch jederzeit schreibbar, ist also auch es (oder zumindest sein Autor) abhängig vom Weltgeschehen? Soraja hat weggemusst um zu sich zu finden, sie hat diesen radikalen Schritt gebraucht und ich bewundere sie, hat sie ihn gewagt. Die Frage, die blieb und bleibt, heute, 'in Zeiten wie diesen' drängender als zuvor, war und ist, was brauche ich?

Etwas mehr Freiraum, mehr Weitblick, etwas mehr Freiheit... mehr Sein als Haben. Denn das 'Haben' kann man am Ende der Tage nicht mitnehmen und das 'Sein' ist irgendwann zu Ende.

 

Das Leben ist ein Buch mit mehreren Kapiteln und das Corona-Kapitel ist eines, das Bewegung, Veränderung und vielleicht auch Tod oder Neuanfang beinhaltet. Für einen Neuanfang, so schien es mir, war der Zeitpunkt perfekt. Dem Alltag etwas Raum nehmen und diesen dafür mit ein wenig Abenteuer füllen, kleinen Abenteuern, wohlverstanden.

 

Mein Liebster und ich entschlossen, den Zustand des Seins vermehrt 'on the road' zu leben und kauften einen Bus. Der Bus ist weder riesig noch neu – aber das passt besser zu uns, neu sind wir schon lange nicht mehr (und riesig ist nun nicht das erste Adjektiv, mit welchem ich uns identifizierte).

 

Nein, ich habe nicht den Wunsch, die ganze Welt zu entdecken - die Welt in mir ist meist herausfordernd genug. Es ist eher das Bedürfnis, im eigenen Tempo unterwegs, mit Kopf und Körper in Bewegung zu sein und dort Halt zu machen, wo es einem gefällt. Die Zeit auf kleinstem Raum zu verbringen heisst, sich in Genügsamkeit üben. Ablenkung bietet die Natur, es bleiben viele Stunden zum Lesen, Schreiben, Spielen, Diskutieren.

Qualitätszeit, bewusst gelebte und erlebte Zeit für mich, für uns - ist das nicht ein kostbares Gut?

Wohin uns unsere Ausflüge führen? Auf Juraweiden und ins Oberland, ins Wallis und vielleicht einmal bis ans Meer - und wenn wir sehr viel Glück haben, ein Stück näher zu uns selbst.

Juni 2020

Juli 2020