In Zeiten wie diesen...

Zweifelsohne ist es ein besonderes Jahr, wobei ich die Besonderheit auch keinem anderen Jahr absprechen will.

 

Aber gleichwohl...dieses Jahr ist, man darf es ruhig sagen, noch aussergewöhnlicher als andere!

Kürzlich sass ich im Bus, ein paar Fahrgäste trugen Gesichtsmasken, im Supermarkt desinfizierte ich mir die Hände, die Frau hinter mir wartete geduldig, bis ich fertig war.

Ich denke, hätte man uns vor einem Jahr gezeigt, wie unser Alltag heute ist, hätten wir den Kopf geschüttelt und das Gesehene ins Science-Fiction-Reich verwiesen.

 

 

Die letzten Monate haben uns verändert und zum Nachdenken hat das Virus sicher alle animiert. Nachdenken über das Leben, über die eigenen Werte, über unsere Haltung, Wünsche, Erwartungen, über Beziehungen und Verhaltensmuster.

 

Wir merkten - vielleicht nachhaltiger als zuvor - dass die Zeit, die wir haben, nicht unendlich ist, dass wir heute angehen sollen, was uns wichtig ist. Dass Dinge sich ändern, schneller, als wir uns es vorgestellt haben.

Denn Reisen, Besuche, Umarmungen waren plötzlich nicht mehr möglich.

 

Vielleicht verhelfen uns diese Erfahrung zu einem sorgfältigeren Umgang mit der Zeit. Wir leben heute und das Leben sollte nicht ständig auf 'später einmal' verschoben werden.

So will eine Freundin einen Massagekurs besuchen, damit sie ihre Nächsten - allen voran ihre betagte Mutter - mit Berührungen verwöhnen kann, weil das Berührt-werden und das Berührt-sein für sie in der berührungslosen Corona-Zeit eine neue Dimension bekommen hat. Einen Freund hat die Corona-Pandemie dazu bewogen, sich vermehrt politisch zu engagieren und es gibt jene, die sich auch in Zukunft um ihre (betagten) Nachbarn kümmern wollen.

 

Fazit: Corona war nicht nur schlecht.

Eine spezielle Erfahrung war für mich, als mir klar wurde, dass Sorajas Reise (Vielleicht später - ein Roman, den das Leben schrieb) dieses Jahr nicht hätte stattfinden können. Wie hätte ich von einer Reise berichten können, die nicht stattfinden kann. Diese Erkenntnis stimmte mich nachdenklich, mehr noch, sie machte mich betroffen. Ist also nicht einmal ein Buch jederzeit schreibbar, ist also auch es (oder zumindest sein Autor) abhängig vom Weltgeschehen? Soraja hat weggemusst um zu sich zu finden, sie hat diesen radikalen Schritt gebraucht und ich bewundere sie, hat sie ihn gewagt. Die Frage, die blieb und bleibt, heute, 'in Zeiten wie diesen' drängender als zuvor, war und ist, was brauche ich?

Etwas mehr Freiraum, mehr Weitblick, etwas mehr Freiheit... mehr Sein als Haben. Denn das 'Haben' kann man am Ende der Tage nicht mitnehmen und das 'Sein' ist irgendwann zu Ende.

 

Das Leben ist ein Buch mit mehreren Kapiteln und das Corona-Kapitel ist eines, das Bewegung, Veränderung und vielleicht auch Tod oder Neuanfang beinhaltet. Für einen Neuanfang, so schien es mir, war der Zeitpunkt perfekt. Dem Alltag etwas Raum nehmen und diesen dafür mit ein wenig Abenteuer füllen, kleinen Abenteuern, wohlverstanden.

 

Mein Liebster und ich entschlossen, den Zustand des Seins vermehrt 'on the road' zu leben und kauften einen Bus. Der Bus ist weder riesig noch neu – aber das passt besser zu uns, neu sind wir schon lange nicht mehr (und riesig ist nun nicht das erste Adjektiv, mit welchem ich uns identifizierte).

 

Nein, ich habe nicht den Wunsch, die ganze Welt zu entdecken - die Welt in mir ist meist herausfordernd genug. Es ist eher das Bedürfnis, im eigenen Tempo unterwegs, mit Kopf und Körper in Bewegung zu sein und dort Halt zu machen, wo es einem gefällt. Die Zeit auf kleinstem Raum zu verbringen heisst, sich in Genügsamkeit üben. Ablenkung bietet die Natur, es bleiben viele Stunden zum Lesen, Schreiben, Spielen, Diskutieren.

Qualitätszeit, bewusst gelebte und erlebte Zeit für mich, für uns - ist das nicht ein kostbares Gut?

Wohin uns unsere Ausflüge führen? Auf Juraweiden und ins Oberland, ins Wallis und vielleicht einmal bis ans Meer - und wenn wir sehr viel Glück haben, ein Stück näher zu uns selbst.

Juni 2020