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Vierzig Jahre sind nicht so lang - oder Facebook sei Dank!

Das Internet hat einiges vereinfacht. Bequem kann ich daheim meine Einkäufe tätigen, Ferien, Konzerte oder Kino buchen, Schneeverhältnisse und Börsenkurse checken oder herausfinden, was ich mit den Ingredienzen, die mein Kühlschrank beherbergt, kochen kann.



Im Internet plane ich den Weg von A nach B, finde einen Therapeuten, das schmackhafteste irische Bier und kläre so wichtige Fragen wie zum Beispiel, ob ein Pferd sich wirklich nicht übergeben kann und ob Tristan da Cunha die einsamste Insel der Welt ist.

Es lässt mich die perfekte Wohnung, das schnittigste Auto oder den verloren geglaubten Erbonkel finden.


Kürzlich habe ich auf diesem Weg eine alte Schulfreundin gefunden. Seit 44 Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen – was Aufschluss über mein Alter gibt und einmal mehr fragt man sich, wo denn die Zeit geblieben sei und überhaupt, es dünkt einem, es sei erst gestern gewesen ...

Wir vereinbarten ein Treffen und auf dem Weg dahin überlegte ich, ob ich sie und sie mich wiedererkennen würde und ob wir uns etwas zu sagen hätten. Ich identifizierte sie auf Anhieb, sie winkte mir zu, also sah auch ich immer noch ein wenig so aus wie damals – oder aber sie hatte mich gegoogelt.

Wir erzählten aus unseren Leben, über Beruf, Kinder, Lieben, Ehe, Familie, über Höhe- und Tiefpunkte. Kaleidoskopisch Bilder gelebten Lebens. Wir streiften leichte Themen und andere. Erfolge, Liebes(un)glück, Väter waren gestorben, Mütter alt und Kinder flügge geworden.


Wir sind nicht mehr jung und haben mehr gelebte Zeit hinter als vor uns aber wir sind noch am Leben, weitgehend unversehrt, was mehr ist, als viele andere in unserem Alter von sich behaupten können. Das Leben ist sanft mit uns umgegangen, hat es gut gemeint.


Von der Endlichkeit des Lebens hatten wir damals, vor über vierzig Jahren noch wenig gewusst. Wir hatten Träume, Ziele und jede Menge Illusionen. Wir hatten den Glauben, eine Liebe dauere ewig, Gesundheit sei ein sicheres Gut und irgendwie schien alles möglich.


Etwas wehmütig kramte ich daheim mein altes ‚Denk-an-mich‘ Buch hervor. Sie wissen nicht, was das ist? Zu meiner Zeit – lange vor Facebook & Co. – verewigten sich in diesen tagebuch-ähnlichen Heften Freundinnen und Familie mit Gedichten, Zitaten und Zeichnungen als Zeichen der Verbundenheit. Ich blätterte durch das Heft, Namen weckten Erinnerungen, ich las die Zitate und die Zeichnungen liessen mich schmunzeln. Und dann stiess ich auf das bon mot meiner Grossmutter ‚Alt ist man, wenn die Vergangenheit mehr Freude macht als die Zukunft‘ (John Knittel), hatte sie in ihrer exakten, schönen Schrift geschrieben und ganz klein in Klammern hinzugefügt ,es liegt in deiner Hand, mein Kind'.

Meine Grossmutter war - auch ohne Internet - eine sehr kluge Frau! Meine Wehmut verflog, denn eines war klar:

Noch ist der Blick nach vorne aufregender als der zurück und auch heute ist noch immer alles möglich.

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