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Ode an das gute, alte Telefon

Zuerst hing es im Korridor an der Wand, später stand es auf Vaters Schreibtisch. Und ich hätte mir lange nicht vorstellen können,, dass ich ihm je eine Träne nachweinen würde...


Nein, hat sie mit kalter, emotionsloser Stimme gesagt und ich hielt das Mobiltelefon ein wenig vom Ohr entfernt, denn nun wurde die Stimme lauter und schriller. Das junge Paar am Nebentisch schaute sich neugierig um, reflexartig presste ich, ungeachtet der grellen Stimme, die schier mein Trommelfell platzen liess, das Telefon widerwillig dichter ans Ohr. Die Worte prasselten auf mich ein und schliesslich drückte ich den Anruf weg. Ich schloss die Faust heftig um das Smartphone, ich war wütend und enttäuscht und ich wusste nicht, wohin mit meiner Frustration. Am liebsten hätte ich das Telefon an die Wand gepfeffert oder auf den Boden geschmissen – das hätte gutgetan!

Doch ich verhielt mich zivilisiert, verstaute es in der Jackentasche, wo es kurz darauf zu vibrieren begann. Ich ignorierte den Anruf, bezahlte und verliess das Café, das junge Paar blickte mir nach. Noch immer war ich wütend, fühlte einen masslosen Ärger, der dringend ein Ventil gebraucht hätte.


Es ist nicht so, dass ich ein jähzorniger oder gar gewalttätiger Mensch bin, aber zuweilen tut es verdammt gut, seinem Ärger Luft machen zu können. Meine Hand umklammerte das Natel in der Jackentasche, welches prompt erneut zu vibrieren begann, während ich am Strassenrand darauf wartete, dass die Fussgängerampel auf grün wechselte. Auf der anderen Strassenseite beobachtete ich eine junge verschleierte Frau, die sich abmühte, den Kinderwagen in eine Telefonkabine zu zerren. Wer, sinnierte ich, war heutzutage noch auf eine Telefonkabine angewiesen? Als ich die Strasse überquerte, hob die Frau soeben den Hörer von der Gabel, sie hielt ihn dicht ans Ohr gepresst. Nun wusste ich, wonach ich mich sehnte.


Ich wollte zurück in die Zeit der schwarzen, schweren Bakelit-Telefone. In die Zeit, als man den dicken Hörer von der Gabel gehoben, hineingehört, hineingesprochen und ihn am Ende zurück auf die Gabel gelegt hatte. Während des Gesprächs hatte man einen Bewegungsradius von etwa einem Meter – ausser das Kabel war dermassen verheddert, dass sich der Radius auf 40 Zentimeter beschränkte. Nach dem Gespräch legte man den Hörer zurück auf die Gabel, vielleicht hielt man ihn einen Augenblick länger als nötig ans Ohr und lauschte dem Summen der unterbrochenen Leitung nach, man konnte ihn auch energisch auf die Gabel knallen und die Hand darauf ruhen lassen. Oder man konnte ihn neben den Apparat legen und so eingehende Anrufe verhindern, dann ertönte ein langer Summton der nach einiger Zeit vom Besetztzeichen abgelöst wurde.


Ich stand nicht weit von der Telefonkabine entfernt, hätte das Rad der Zeit gerne zurückgedreht, noch einmal die Genugtuung erlebt, einen Anruf zu beenden, indem ich den Hörer wütend, frustriert, enttäuscht, traurig oder euphorisch auf die Gabel chmetterte. Ich konnte die erlösende Wirkung dieser kleinen Geste förmlich in meinem Bauch und meinen Händen spüren. Welch wunderbarer – und harmloser – Katalysator, um Ärger und Frustration loszuwerden!

Mit einem Mobiltelefon war diese kleine (grosse) Geste ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Anruf liess sich lediglich mit einem lächerlichen Fingerdruck beenden – ein erbärmlicher Ersatz und bar jeglicher Dramatik und Dynamik. Natürlich war es mir freigestellt, das Handy zu schütteln und ja, ich konnte es zweifelsohne auf den Tisch oder an die Wand schmettern, doch dann riskierte ich, es zu beschädigen. Also verzichtete man auf solche unsinnige Gesten, frass seine Unzufriedenheit, seine Ohnmacht in sich hinein.


Ich musste grinsen, der Ärger war mittlerweile ob meinen Überlegungen verflogen. Ich half der jungen Frau, den Kinderwagen aus der Telefonkabine zu bugsieren.


Ich kam nicht umhin mir zu überlegen, dass möglicherweise ein direkter Zusammenhang zwischen der zunehmenden Aggressivität, den Erkrankungen an Magengeschwüren und Depressionen und der sich gewandelten Kultur des Telefonierens bestand. Und deshalb konnte ich mir gut vorstellen, in Zukunft gewisse Telefongespräche, die ein energisches Zurücklegen (oder -knallen) des Hörers – zur Wahrung der emotionalen psychischen Stabilität und der Senkung von Bluthochdruck oder Vermeidung von Magengeschwüren - erforderten, wieder in eine Telefonkabine zu verlegen.



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