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Ich schreibe - also bin ich




Vor ein paar Wochen trat die Muse nachts an mein Bett und weckte mich. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Ich stand auf und machte mich an die Arbeit, bis zum Morgengrauen dauerte es noch geraume Zeit. Ich war froh, nicht zur Arbeit zu müssen, denn sonst hätte sich die Inspiration vermutlich vertreiben lassen, der Same wäre ins Nichts gefallen und bis zum Abend verdorrt. Aber, wie gesagt, ich hatte frei, vor mir lang ein langes Wochenende, die Muse hatte sich wahrlich einen ausgezeichneten Moment für ihren Besuch ausgesucht.

Ich schrieb – es floss. Unbeschreibliche Wonne! In den Tagen zuvor hatte ich bei einer Erzählung um Sätze und Worte gerungen, gekämpft, nun war alles reichlich vorhanden, die Ideen flogen mir zu, meine Protagonistin nistete sich in meinem Herzen und meinem Verstand ein, lebte in mir, ich fühlte, was sie fühlte, ihre Freuden, Hoffnungen und Ängste; sie öffnete mir die Tür zu ihrem Leben. Meine Finger tanzten über die Tasten und in mir war nichts als Befriedigung und Erfüllung. Meine Heldin ist noch immer an meiner Seite, aber ich muss Sorge zu ihr tragen, sonst riskiere ich, sie zu verlieren. Der Alltag und andere Ablenkungen wie einkaufen, putzen, kochen, Freunde treffen, sind eine ständige Gefahr für unsere Beziehung. Meine Heldin könnte jederzeit vom Alltag verschüttet werden, sich in Luft auflösen - oder sich beleidigt davonmachen.

Elizabeth Gilbert hat in ihrem Buch 'big magic' treffend beschrieben was passiert, wenn die Muse sich meldet: eine Idee klopft an, sagt Hallo, da bin ich, willst du mich? Vielleicht ist die Erleuchtung höflich, hämmert gar mehrmals an die Tür, wartet eine Weile, aber irgendeinmal hat sie, wenn du dich ihr nicht zuwendest, genug. Dann kann es sein, dass du später einmal das Buch liest, welches du hättest schreiben, das Bild betrachtest, das du hättest malen, den Song hörst, den du hättest singen, das Kleid trägst, welches du hättest designen können. In diesem Fall hat sich die Idee einen anderen gesucht, einer, der die Arme ausbreitet und 'herzlich willkommen' sagt, die Ärmel hochkrempelt und sich an die Arbeit macht.

Auch Züri West erzählt im Song 'Göteborg', wie die Idee in Form von ein paar Takten Musik daherkommt – nur leider auf der Autobahn, der Fahrer hat keine Zeit und schickt die Muse fort, macht ihr Vorschläge, bei wem sie andocken könnte...

Es ist ein berauschendes Gefühl, wenn du eine Vision, eine Eingebung, eine Erleuchtung hast. Du wirst getragen und gehst völlig darin auf.

Während Stunden oder Tagen tust du, was deiner Bestimmung entspricht, du wirst zu dem, den du sein willst, der du bist. Kostbare Augenblicke des Glücks.

Auf den Flow folgt naturgemäss harte Arbeit. Das Schleifen an Sätzen, das Loslassen von Passagen oder Personen, das Ringen mit Zeiten, Ereignissen und immer wieder die Angst, nichts zustande zu bringen, einem Irrtum erlegen zu sein.

Eines Tages, das wünsche ich mir, liest du die Geschichte, die heute meine Tage, meine Gedanken, meine Träume bewegt und belebt, sie wird dich berühren und vielleicht erkennst du dich wieder in der Seele und den Erlebnissen meiner Protagonisten.

Ich bin dankbar für das Feuer, das in mir brennt, es ist ein Geschenk, ab und zu dort verweilen zu dürfen, wo ich mir selbst am nächsten bin. Wenn ich schreibe, bin ich die, die ich sein will, die, die ich bin.


Ich schreibe – also bin ich

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