Suche
  • Admin

Heilige Nacht

Aktualisiert: 20. Mai 2019



Still war Stina neben der Grossmutter gesessen, als diese ihr die Weihnachtsgeschichte vorgelesen und ihr das Bild in dem Buch gezeigt hatte. Im Stall standen Maria und Joseph neben der Krippe, neben dem Stall schliefen Schafe, der Himmel war samtblau, übersät mit Sternen. Ein Stern leuchtete heller als alle anderen und hatte einen Schweif. Oma zeigte auf den Stern, sagte, dies sei der Weihnachtsstern, Jesus Stern.


Später schaute Stine in den Himmel, der voller Sterne hing. "Habe ich auch meinen eigenen Stern?", fragte sie. Ihr grosser Bruder schüttelte den Kopf. "Natürlich nicht." "Warum nicht? Es sind so viele, da gibt es doch sicher einen, der nur für mich leuchtet." "Nein", sagte der Bruder bestimmt. "Sterne sind einfach am Himmel, sie leuchten nicht für jemanden. Sie bestehen aus Wasserstoff und Helium, und weil in ihnen ständig Wasserstoff verbrennt, leuchten sie. Und manchmal sind sie bereits verglüht und wir sehen sie immer noch, weil sie so weit weg sind und das Licht ganz schön lange braucht, bis es bei uns ist." "Nein", widersprach Stine, "sie sind etwas Besonderes und nicht bloss Hellbumm, oder wie auch immer das heisst. Ich hätte gerne meinen eigenen Stern". "Man kann Sterne kaufen", wusste der Bruder, "dann gehört er dir und du kannst ihm einen Namen geben." "Wem gehören die Sterne, wer verkauft sie?" Der Bruder überlegte. "Weiss ich nicht", gab er zu, "aber man kann sie kaufen. Und sehr reiche Menschen können bald bis zum Mond fliegen und ihre Ferien im Weltall verbringen."

"Auf einem Stern?", wollte Stine wissen. "Nein, in einer Raumsonde." "Und was ist daran toll?"


Papa brachte sie zu Bett. "Oma hat mir die Weihnachtsgeschichte erzählt, mir den Stern gezeigt, er ist wunderschön. Ich hätte gerne meinen eigenen Stern. Aber dann hat Peter mit gesagt, dass Sterne nichts weiter sind als Hellibrumm...oder so..."

Sie blickte den Vater traurig an, er schob die Bettdecke beiseite und nahm sie auf den Arm, wickelte die Decke um sie und ging mit ihr in den dunkelsten Winkel des Gartens.

"Schau zu den Sternen, Stine", sagte er, "Schau, wie sie funkeln und glitzern, wie sie strahlen und leuchten. Sie sind etwas Besonderes und das Tolle ist, dass du nicht deinen eigenen Stern brauchst, sie sind alle da für dich, Millionen. Besitzen kannst du sie nicht, wer das glaubt, ist ein Narr. Die wirklich wichtigen Dinge lassen sich weder kaufen noch besitzen, sie sind da, um dich herum oder in dir drin. Immer." "Immer da...", wiederholte Stina und legte den Kopf an Papas Schulter, "so wie du, Mama, Peter und Oma. Wie der Schnee, der, wenn er nicht bei uns liegt, anderswo ist und natürlich die Sonne, die immer irgendwo scheint und meine Lieblingspuppe, die verloren ging und jetzt woanders lebt, und das Mikroskop, das ich mir zu Weihnachten wünsche, das noch nicht bei mir ist aber vielleicht beim Christkind auf mich wartet."

Der Vater lächelte. "Ja, so ungefähr, Stine."

Er trug Stine zurück ins Haus, deckte sie zu, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.


Spät abends ging er nochmals nach draussen, schaute zu den Sternen und die Worte seiner Tochter kamen ihm in den Sinn: Immer da. Wie Mama, die verlorene Puppe, der Schnee. Immer da. Ein Stern funkelte besonders hell. Immer da... vielleicht wartete auf ihn doch irgendwo eine neue Arbeitsstelle, vielleicht war die Liebe nicht verloren und er und seine Frau fänden nochmals den Weg zueinander, vielleicht schaffte er es, die dringendsten Rechnungen zu begleichen, vielleicht war nicht alles sinnlos und irgendwo, jenseits dieser Nacht, warteten Freude und Zuversicht auf ihn.

Bevor er sich umdrehte und hineinging sah er eine Sternschnuppe, funkelnd und hell, schnell wünschte er sich etwas.

Denn wer weiss, in einer solchen Nacht schien alles möglich.

0 Ansichten