Suche
  • Admin

Die Krux mit dem Zeitmanagement – oder das Jahr ist 100 Tage alt

Über eben diese Tatsache wurde ich kürzlich auf dem Weg zur Arbeit im Radio von einem enervierend fröhlichen Frühmorgenmoderator aufgeklärt.

Ich erschrak, denn es war doch eine wahrlich erschütternde Mitteilung morgens um halb sieben. Unglaublich, doch beinahe ein Drittel des Jahres war vorbei und wo, so fragte ich mich, waren die Stunden, Tage und Wochen geblieben und wie hatte ich die Zeit genutzt?

Die Frage liess mir keine Ruhe und abends kramte ich meine to do Liste 2018 hervor. Die Zwischenbilanz, die ich zog, war deprimierend.


Selbst wenn die Liste nicht sehr umfangreich ist, bezweifelte ich, sie innert Jahresfrist abarbeiten zu können und ich entschloss mich, ab sofort meine Zeit gezielter zu nutzen und zu planen und begann energisch mit der Überprüfung und Priorisierung meiner Termine.


Motiviert öffnete ich im Smartphone die Agenda und scrollte durch den Kalender. Überall rote Punkte, die Termine signalisierten. Was um Himmels Willen hatte ich alles geplant? Termine für Coiffeur, Kosmetikerin und Grosskind-hüten waren bereits bis in den Herbst hinein festgelegt. Dann waren noch weitere Verabredungen eingetragen wie Zahnarzt, Optiker, Versicherungsspezialist und ähnliches, zudem ein, zwei verplante Wochenenden und die Ferien.


Wie und wo, überlegte ich, konnte ich Zeit gewinnen, ohne auf das – mehr oder weniger – regelmässige Sport treiben, Wandern, Lesen und die gelegentlichen Kinobesuche verzichten zu müssen. Es würde mir, entschied ich grimmig, nichts anderes übrig bleiben, als bei Treffen mit Kollegen, Freunden und Familie Abstriche zu machen. Ich nahm mir vor, mich in Zukunft eher auf telefonische Kontakte zu beschränken, das war schlanker und zeitsparender.


Gedacht, getan. Ich sagte einige Treffen zu Kaffee, Wein und Tratsch ab. Danach fühlte ich mich nicht besser aber zielorientierter. Nun würde ich mich in die Arbeit stürzen! Ich organisierte die folgenden zwei Wochen unverzüglich minutiös und ging dann völlig erschöpft zu Bett.


Es war kein erholsamer Schlaf. In meinem Traum war ich sehr traurig, alles fühlte sich schwer an, ich war in grosser Eile mit dem Auto unterwegs zur Beerdigung einer guten Freundin. Bei der Kapelle standen viele Menschen und ich sah, dass nicht bloss meine Freundin sondern ebenso zwei weitere meiner Bekannten beigesetzt wurden und im Traum begann ich zu weinen und rannte davon. Schweissnass schreckte ich aus dem Schlaf und die Traurigkeit hockte mir wie eine hässliche Krähe im Nacken. Obwohl es noch Nacht war stand ich auf, machte mir eine Tasse Kaffee und versuchte, den Traum zu verscheuchen, was mir nicht gelang.


Ich kam nicht umhin mir zu überlegen, was im Leben von Bedeutung ist und die Antwort war rasch gefunden: es sind die Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten, die mit mir das Leichte und Schwere teilen, mit denen ich lache, schwatze, die ich tröste, denen ich zuhöre, mit denen ich eine Umarmung, eine Mahlzeit eine Freude oder ein Leid teile.

Nun aber war ich auf dem besten Weg, das Wichtigste zur verzichtbaren Nebensache zu erklären. Was war bloss in mich gefahren? Selbst wenn ich meine – nun plötzlich etwas lächerlich anmutende – to do Liste nicht vollständig abarbeiten könnte, wäre dies keine Unglück.

Eine Tragödie jedoch wäre zweifelsohne, enttäuschte und vernachlässigte ich meine Lieben und mir zugetane Menschen aus dem alleinigen – zudem dummen und egoistischen – Grund, dass ich eine ungeschriebene Geschichte, ein ungelesenes Buch, ungeputzte Fenster oder ein verpasstes Workout nicht ertrüge.


So ging das wirklich nicht und ich nahm mir vor, meine Ziele weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren, mir aber etwas mehr Zeit einzuräumen. Denn nach den verbleibenden 250 Tagen des Jahres 2018 werden hoffentlich weitere folgen – und wenn nicht, ist es mir vordringlicher, noch möglichst viele Momente mit meinen Lieben verbracht als zum Beispiel einen weiter Blog veröffentlicht zu haben.


Denn eines, da wird mir jeder Recht geben, ist klar: Dinge lassen sich aufschieben, Menschen nicht!

0 Ansichten