Suche
  • Admin

Die Kraft und Macht von Versprechen


Ein Versprechen ist ein Gelöbnis, ein Ehrenwort, ein Eid, eine Verbindlichkeit – ein heiliger (P)Akt.

Eine Verbindlichkeit, sich oder anderen gegenüber, die schwer wiegen, uns Angst machen oder sogar lähmen kann; oder uns beflügelt, stärkt und ein Glück beschert, das uns aus- und erfüllt bis ins Innerstes.

Kürzlich kam ich nicht umhin, mir über die Auswirkungen von Versprechen Gedanken zu machen. Haben sie, überlegte ich, eine andere – mächtigere, tiefergreifende – Wirkung, wenn wir den Eid laut aussprechen, in Anwesenheit Dritter und wird die Verbindlichkeit bekräftigt, wenn das Versprechen gar in schriftlicher Form vorliegt?

Hilft es, wenn es täglich mit lauter Stimme wiederholt wird oder man es in Form von Bild oder Text vor Augen hat?

Und ist es nicht eine Tatsache, dass viele Versprechen sich in Tat und Wahrheit als Ver-sprecher entpuppen?

Im Lauf der Jahre versprechen wir vieles, was wir nicht einhalten. Wir laufen einem Bekannten über den Weg und sagen ‘ich rufe dich demnächst an und wir treffen uns auf eine Tasse Kaffee, versprochen’. Bereits wenn wir die Worte aussprechen, wissen wir – und der Bekannte ebenso – dass dieser Anruf nie stattfinden wird. Es ist also kein Versprechen, sondern eine Lüge, die sowohl vom Lügner als auch vom Belogenen mit einem Lächeln übergangen, respektive akzeptiert wird.

Wir versichern dem Kind, wenn es eine Spritze bekommt, dass es 'fast nicht wehtun wird, Ehrenwort', wobei dieses 'fast nicht' eine Ermessensfrage ist; und wie verschieden lässt sich die Aussage, ‘ich bin bald wieder zurück, versprochen’, auslegen?

Aber natürlich machen wir richtig grosse, gewichtige und wichtige Versprechen. Den Eid 'Treue, bis der Tod uns scheidet’ wird von circa 50% der Ehepaare vor dem Richter gebrochen (dazu kommen all die nicht verheirateten, sich nicht trennenden Paare). Möglicherweise schmerzt uns, wenn wir uns von einem einst geliebten und geschätzten Menschen trennen, das eigene Versagen und der Treuebruch uns selber gegenüber am meisten. Wir haben uns enttäuscht.

Wir brechen auch Versprechen, die wir uns selber geben. Sei es der ‘heilige Eid’, mit dem Rauchen aufzuhören, den Partner nicht mehr klein zu reden, auf jeglichen Fleischverzehr oder auf das Lesen von Schund zu verzichten. Wir versagen, sind schwach, verführbar – leben weiter und unternehmen einen zweiten, dritten oder vierten Anlauf, um ein besserer Mensch (gesunder, netter, verantwortungsbewusster) zu werden. Es bleiben die Versprechen, die man sich in aller Stille gibt; als einziger Zeuge der weite Himmel, ein windgepeitschter See oder vielleicht das flackernde Licht einer Kerze, um dem Moment eine feierliche, ernsthafte Note zu geben. Wir versprechen, uns selber treu zu sein, unsere Hoffnungen zu nähren, unsere Ideale zu leben, uns nicht zu verlieren, nicht zu verleugnen, uns zu achten, wie wir andere achten, uns zu lieben, wie wir andere lieben. Ja, es gibt Menschen, die sich in diesem Überschwang der Gefühle oder Erhabenheit selber ehelichen. Andere mögen sich versprechen, einmal den höchsten Berg der Welt zu erklimmen, einmal im Leben ein Pianokonzert zu geben – oder zu hören, eines Tages vom Rollstuhl aufstehen und wieder selber gehen zu können. Versprechen sind mit einem Ziel verbunden – es gilt, etwas zu erreichen oder durchzusetzen. Versprechen nähren (zumindest kurzfristig) den Ehrgeiz und wenn wir sie visualisieren, uns den (Höhe-)Punkt der Erfüllung vorstellen, wächst sicher die Wahrscheinlichkeit, dass das Versprechen eines Tages eingelöst wird.

Vor langem versprach ich mir, nie mit dem Schreiben aufzuhören und die Geschichten, die mir zukommen, festzuhalten. An diesem Versprechen halte ich fest.

Vor einiger Zeit tauchte Primrose auf, geisterte durch meine Gedanken, breitete konfus und wild ihr Leben von mir aus. Ich versprach ihr, ihre Geschichte zu erzählen, egal, wie holprig der Weg würde. Aber dann kam Soraja. Unkompliziert und in rasantem Tempo liess sie mich an ihrem Leben teilhaben, ich schrieb, ohne Innezuhalten, vom Anfang bis zum Ende. Das Schreiben floss – und glaubt mir, es gibt nichts Schöneres!

Aber Primrose lässt nicht locker, sie erinnert mich an mein Versprechen, sie klopft an meine Tür, stört meine Nächte, setzt sich neben mich, wenn ich im Auto unterwegs bin, mischt sich in meine Gespräche und stupst mich an beim Wandern.

Sie erinnert mich an mein Gelübde – ein Versprechen ist schliesslich ein Versprechen!

Also werde ich mich hinsetzen und ihre Geschichte erzählen und eines Tages – darauf vertraue ich – wirst auch du sie lesen.

0 Ansichten