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Die Angst am Berg

Aktualisiert: 22. Okt 2018






Milde, sonnige Herbsttage - Bergwetter!

Ich freute mich auf die Tour, auch wenn ich wusste, dass sie anstrengend und eine Herausforderung sein würde.

Der Aufstieg zur Hütte war lang, es gab unzählige exponierte Stellen - mehr, als mir lieb waren - schmale Pfade, abschüssiges Gelände, Wildbäche. Schotter- und Geröllhalden mussten überquert und Felsen hinaufgeklettert werden; Seile oder Ketten sicherten die gefährlicheren Stellen.

Was machte ich hier an diesem Berg? Ich kannte doch meine Höhenangst, hatte ich meine Grenzen überschritten?

Angst ist ein schlechter Begleiter – besonders in den Bergen. Sie hemmt, macht unsicher, klein, lässt einen zögern, zaudern und straucheln. Es gilt sie zu zähmen, sie darf nicht von dir Besitz ergreifen. Bevor du dagegen angehen kannst, musst du sie jedoch wahr- und annehmen.

Die Angst kroch mir unter die Haut und dehnte sich aus. Weit unter mir lag der graublaue See, eine glatte, wie mit Lack überzogene Fläche, ich sah mich straucheln, stürzen, in die Tiefe fallen. Die Angst lähmte mich, drohte, in Panik umzuschlagen.

Du kannst das, beschwor ich mich. Mach einen Schritt nach dem andern, immer nur einen, vertraue deinen Füssen und deinem Körper.

Der Anblick des Gletschers weiter oben berührte mich. Blaues Eis, zerklüftete Gletscherschollen. Das Gletschertor war wie eine Tür zu einer anderen Welt.

Endlich erreichten wir die Hütte, aber ich wusste, das war erst die halbe Miete, am nächsten Tag musste ich den Weg zurückgehen. Die Nacht war lang und schlaflos. Wenn ich die Augen schloss, sah ich die Schorfen und schmalen Pfade, die abschüssigen Bergflanken und mir war, als läge der See tausende Meter unter mir. Mein Mantra – einen Schritt nach dem andern, vertrau deinen Füssen – half nicht. Ich malte mir aus, wie ich im Tal ankommen und jubilieren würde, stolz und erleichtert, es geschafft zu haben. Aber immer wieder schob sich das Bild von zwei schwarzgekleideten Männern, die mit einem Sarg auf den Schultern durch das unwegsame Gelände gingen, vor meine Augen.

Endlich wurde es hell, ich blickte in einen wolkenlosen, blassen Himmel. Nach dem Frühstück machten wir uns beizeiten auf den Weg – mir grauste. Die Luft war klar und kühl, Sonnenschein lag auf den höchsten Gipfeln, der Gletscher schimmerte blau. Der erste Schritt talwärts, widerwillig, ängstlich. Der zweite, dritte, vierte Schritt brachte die Erkenntnis, dass es gut tat, aktiv zu werden, in Bewegung zu sein.

Einen Fuss vor den anderen, wichtig war immer nur der nächste Schritt.

Langsam, Schritt für Schritt, schaffte ich den Abstieg und als ich unten ankam, war ich erleichtert und ein klein wenig stolz.

Die Frage jedoch, wie ich mit meinen Ängsten umgehen will, liess mich nicht so schnell los.

Angst lähmt, es braucht Mut, sie anzunehmen, zu überwinden. Sie zu ignorieren, ist dumm und zuweilen ist die Linie zwischen Heraus- und Überforderung, zwischen Mut und Torheit sehr fein.

Es macht uns stark und mutig(er), wenn wir Ängste bezwingen und dadurch die eigenen Grenzen ausdehnen. Lähmt uns die Angst oder macht sie uns gar handlungsunfähig, verlieren wir unsere Kraft und den Glauben in uns.

Ich denke, nur wenn wir uns ihr stellen, wachsen und entwickeln wir uns, das Verlassen der Komfortzone bringt Erweiterung, bedeutet Vorwärtsgehen. Aber es ist natürlich anstrengend und ich habe keine Lust, dass mein nächster Berg noch höher und schwieriger zu erklimmen ist.

Ich vertraue darauf, dass das Leben für mich sicher noch andere Ängste bereithält, denen ich mich stellen darf!







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