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Der perfekte Moment

Aktualisiert: 18. Mai 2019




Zuweilen ist es uns extrem wichtig, für eine - meist sehr wichtige, alles verändernde - Mitteilung den perfekten Moment zu erwischen. Zum Beispiel, wenn wir eine Liebeserklärung machen, verraten, dass man – beziehungsweise frau – schwanger ist, man/frau das Examen bestanden, den neuen Job, die neue Wohnung bekommen oder im Lotto eine Million gewonnen hat.

Für diesen einen Augenblick wünschen wir uns Vollkommenheit.

Wir malen uns den Moment in den schönsten Farben aus, unterstreichen ihn mit himmlischen Klängen, Wohlgerüchen, bestreuen ihn mit Glitter, erwarten Glanz und pures Glück. Denn nichts darf den Höhepunkt des durch und durch erhabenen, einzigartigen Moments schmälern.

Und genau hier nimmt das Elend seinen Anfang, denn wann, so frage ich Sie, ist ein Moment makellos. Das grosse Warten beginnt, Geduld ist angesagt, es kann lange, sehr lange, dauern.

Kürzlich wartete mein Liebster mit einer Frage auf exakt diesen magischen Zeitpunkt. Immer gab es etwas, was die absolute Harmonie offenbar störte – was, das ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

Vielleicht war es eine vorbeiziehende Wolke, ein zu laut dröhnender Automotor, der Gestank der gedüngten Wiese, das Bellen eines Hundes oder ein unfreundlicher Kellner – irgendetwas hemmte ihn, verdarb in seiner Wahrnehmung den Augenblick.

Dabei lag die Frage seit Tagen – nein, seit Wochen – in der Luft, war zum Greifen nahe, ich wusste, er würde sie stellen und er und ich kannten die Antwort.

Ich kam nicht umhin, mich – und ihn - zu fragen, was diesen magischen, perfekten Moment ausmacht, denn ist nicht das Unvollkommene charmanter und bleibt es uns deshalb nicht besser und nachhaltiger in Erinnerung? So ist mir zum Beispiel die eine Wanderung ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben. Der Regen prasselte sintflutartig auf uns herab, wir querten bedenklich wilde Bergbäche, ich hatte Angst und troff anschliessend eine Woche vor Nässe – meine Schuhe zwei. Das Langlaufen nachts mit der Stirnlampe bleibt unvergessen, ebenso das Umherirren in Wiens Strassen auf der Suche nach der Konzerthalle, die Gewitternacht im Zelt am Thunersee, das ungeniessbare Frühstück in einem Londoner Pub, das Bad im eiskalten Bergsee, die Gondelbahn, die im Sturm wild hin und her schwang.

Natürlich hatte ich mir diese Momente nicht herbeigewünscht, mitunter waren sie unbequem, erforderten Mut oder Überwindung – gleichwohl möchte ich keinen missen. Diese Erlebnisse haben einen gemeinsamen Nenner: Die Unvollkommenheit. Sie ist das Geheimnis, das diese Ereignisse zu etwas einmaligem, unauslöschlichem, machte.

Ein kluger Mensch sagte einmal:

Warte nicht auf den perfekten Moment. Nimm den Moment und mach ihn perfekt.

Ein wahres Wort.

Schliesslich stellte mein Liebster die Frage. Weder Wetter noch Ambiente waren spektakulär.

Der Moment war vollkommen, ich sagte Ja.

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