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Der leidenschaftliche Schaffner

Kürzlich besuchte ich Wien und ja, ich gebe es zu, wenn es um Wien geht, bin ich wohl nicht die objektivste Reisende und Beobachterin.

In Wien hatte ich mich vor Jahren unsterblich verliebt und bei einer grossen Liebe lässt man zuweilen Fünfe gerade sein.

Gleichwohl, diese Begebenheit hätte mich auch anderswo als in Wien beeindruckt.


Wir haben sicher alle unsere Vorstellungen, welche Arbeiten Spass machen und welche einen zu Tode langweilen würden. Zudem haben wir mit grosser Wahrscheinlichkeit in Bezug auf einige Berufe Vorurteile und es gibt Tage, an denen wir unserer eigenen Arbeit nicht besonders lustvoll und begeistert nachgehen.


Kürzlich also bin ich in Wien gewesen und habe wie immer den CAT (City Airport Train) genommen, der einen in 16 Minuten vom Flughafen ins Stadtzentrum bringt.

Der Schaffner begrüsste uns fröhlich und aufgestellt über den Lautsprecher. Er informierte auf Deutsch und Englisch, dass der Zug demnächst abfahren werde und fügte noch eine Begrüssung auf Spanisch hinzu. Der Zug fuhr an und wenig später betrat der Schaffner den Wagen. Ein kleiner, runder Mann mit einem Backenbart, der mich an Kaiser Franz Josef denken liess. Erneut hiess er alle Fahrgäste willkommen. Dann kontrollierte er die Fahrscheine, wechselte mit jedem Reisenden ein paar Worte, scherzte, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden, fragte, woher man angereist sei. Als er meinen Fahrschein entgegennahm, machte er ein Kompliment zu meinem chicen Hut und erzählte, er sei selber ein leidenschaftlicher Hutträger und –sammler, er habe über fünfzig Kappen, Mützen, Helme und Hüte.

Als der Zug in der Station einfuhr, verabschiedete er sich über den Lautsprecher zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Er wünschte uns einen schönen Aufenthalt und einen gelungenen Abend, mahnte, wir sollten nicht vergessen zu lächeln und Spass zu haben, das komme der Gesundheit und dem Wohlbefinden zugute und sorge für ein langes, glückliches Leben. Zuletzt gab es für ihn lauten Applaus und ich bemerkte, dass wir alle – wirklich alle – zufrieden lächelten.


Diesen Schaffner kann man sich als Bespiel nehmen! Er verrichtet eine relativ einfache Arbeit, fährt immer dieselbe kurze Strecke und so mancher würde behaupten, es sei eine langweilige, abwechslungsarme Tätigkeit. Doch dieser Mensch geht seiner Arbeit mit spürbarer Begeisterung nach, seine Freude und das Interesse an seinen Gästen ist echt und ungekünstelt. Er behandelt die Zugfahrer wie Gäste, man fühlt sich willkommen. Zudem ist er, das ist unbestritten und mit keinem Geld zu bezahlen, eine hervorragende «Visitenkarte» Wiens.


Natürlich ist anzunehmen, dass auch er ab und zu auf unzufriedene Reisende trifft. Solche, die grundsätzlich nörgeln und schimpfen, denen es zu schnell oder zu langsam geht, zu heiss oder zu kalt ist. Aber ebenso bin ich überzeugt, dass ihm das weitaus weniger häufig widerfährt als demjenigen, der selber unzufrieden und mürrisch ist. Seine Freude überträgt sich, die Freundlichkeit wird erwidert und kommt so wiederum dem Schaffner zugute.


Auf den Punkt gebracht bereichert eine wertschätzende, positive Haltung – egal ob im Beruf oder Privat – nicht nur das Leben der Mitmenschen sondern ebenso das eigene. Zudem kostet es nichts und um mit den Worten des Schaffners zu schliessen: Lächeln und Spass haben kommt der Gesundheit zugute, wer sich wohl fühlt, lebt vielleicht nicht länger aber sicher glücklicher.


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