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Der Bumerang


Das Leben ist nicht 'so', wie meine Grossmutter glaubte. Nein, ist es nicht, behauptete mein Verstand lange Zeit.

Grossmutter vertrat die Meinung, jeder böse Gedanke, und natürlich jede unedle Tat, würden bestraft. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.

'So' sah sie das Leben. Hätte sie zum Beispiel beim Einkauf zu viel Wechselgeld bekommen und es stillschweigend eingesteckt, wäre es eine logische Konsequenz, würde sie am folgenden Tag ausgeraubt. Oder hätte der missratene Apfelkuchen der Nachbarin ihr ein schadenfreudiges Grinsen entlockt, bestrafte der Himmel sie mit einem zäh geratenen Braten oder verkochtem Gemüse.

Ja, so hatte Grossmutter die Welt gesehen - und ich belächelte sie – meine Grossmutter und nicht die Welt.

Letzthin aber komme ich nicht umhin mich zu fragen, ob sie wirklich so falsch gelegen hatte.

Im Nachhinein betrachtet hatte ich beispielsweise wenig Verständnis für die Arbeitskollegin, die sich ausgenützt vorkam, für die Kollegin, die immer wieder an allerlei unbestimmten Leiden krankte, für die Freundin, die schier ewig in einer unglücklichen Beziehung blieb, für den Bekannten, der sich nie an etwas Neues heranwagte, für die Nachbarin, die sich schwertat, Entscheidungen zu treffen.

Kurz und bündig, meine Toleranz war recht mager, wenn jemand sein Leben (nach meinem Dafürhalten) nicht 'im Griff' hatte. Organisation, Struktur, Planung, Kontrolle – was bitte sehr, soll daran so schwierig sein? Man überlegt sich seine Entscheidungen, man plant, man überstürzt nichts, man ist stark und steht zu seinem Wort und seinen Entschlüssen.

So war 'das'. Nein, so war ich.

Bis mich das Leben einholte oder mir meine Überheblichkeit ein Bein stellte.

Entscheidungen dürfen revidiert werden. Zuweilen läufts nicht nach Plan, es ist in Ordnung zuzugeben, mich getäuscht zu haben oder dass ein Projekt zum Scheitern verurteilt ist.

Es tut weh, wenn Vorhaben misslingen, Ziele nicht erreicht werden, man – sprich ich – sich überschätzt oder verkalkuliert hat.

Es ist nicht bloss das Scheitern, was schmerzt, sondern die Erkenntnis, wie borniert und überheblich man oft über Jahre hinweg war, weil man glaubte, das Leben richte sich nach den eigenen Wünschen und man hätte die Kontrolle.

Mich traf und trifft der Bumerang der Überheblichkeit zurzeit recht kräftig. Er ist ausgesprochen unangenehm, er zeigt ein Bild von mir, was mir nicht gefällt. 'So' will ich nicht sein. hochmütig, wertend, kleinlich.

Grossmutter hatte recht, das Leben ist 'so'. Toleranz, Empathie und Grosszügigkeit im Denken und Handeln zahlen sich aus. Überall dort aber, wo ich kleinlich, engstirnig, rechthaberisch denke und handle, werde ich irgendwann gezwungen, erneut hinzusehen.

Andersherum betrachtet, bekomme ich dadurch die Möglichkeit, meine Haltung zu überdenken – und vielleicht zu revidieren.

Danke Bumerang für die zweite Chance.

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