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Das Festessen

Welche Hausfrau und Mutter kennt es nicht, das Dilemma, es allen Recht machen zu müssen oder doch wenigstens zu wollen.



Doch zuweilen findet frau, es sei an der Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden und neue Wege zu gehen. Wenn die Kinder gross sind, werden der Weihnachtsbaum und die Geschenke weggelassen, ein Päkli bekommen nur noch die Kleinsten, zumal die Grossen sich ihre Wünsche selber erfüllen oder dann sind sie so gross – sprich teuer – dass man sie aus Gründen der Vernunft und des Anstands nicht auf die Wunschliste setzt.


Bleibt das Weihnachtsessen. Bei vielen Familien kommt Jahr für Jahr dasselbe auf den Tisch und selbst das Variieren von Beilagen, ja, selbst von Gewürzen gilt als Verrat. Doch dieses Jahr habe ich entschieden, mit dieser Tradition zu brechen und bereits Ende November wurde der Ruf nach Transparenz laut. Meine lapidare Erklärung, es gebe ein Überraschungsmenu stiess auf einstimmigen Widerstand. Ich blieb fest, trotz dem unablässigen Nachfragen und den Hinweisen der Kinder, man esse kein Schweinefleisch, kein rohes Gemüse, vertrage keine Meerfrüchte, reagiere allergisch auf Sellerie und Polenta und von Erdbeeren kriege man Ausschlag.

Ihr werdet mögen, was auf den Tisch kommt, behauptete ich optimistisch und lächelte.


Bis mir das Lachen etwa eine Woche vor Weihnachten immer schwerer fiel. Ich begann zu überlegen, ob die Vorspeise meiner Tochter munden und die Beilage zum Fleisch meinem jüngeren Sohn zusagen würde. Meine Unsicherheit wuchs und schliesslich zweifelte ich nicht bloss an meinen Kochkünsten, sondern auch daran, eine ‚gute‘ Mutter zu sein. Denn, so fragte ich mich, was zeichnet eine gute Mutter erwachsener Kinder aus, wenn nicht die Fähigkeit, ihnen einen gemütlichen Abend mit einem wohlschmeckenden Mahl zu bescheren?

Andererseits kam ich nicht umhin mich zu fragen, an was sich die Kinder später einmal erinnern würden. Worüber würden sie an meiner Beerdigung lachen und wovon ihren Kindern erzählen?


Selbst wenn das diesjährige Weihnachtsessen misslänge, würden wir gleichwohl einen schönen Abend zusammen verbringen. Vielleicht flösse ein wenig mehr Wein, auf den Tisch kämen Brot, Käse und Wurst und man würde über die Mutter und die missglückten Kochkünste spotten und der Abend hinterliesse eine lebhafte Erinnerung.


Aber vielleicht kommt es auch ganz anders und ich sorge mich vergeblich. Denn wer weiss, möglicherweise wird gerade an diesem Weihnachtsfest eine neue weihnächtliche Festessens-Tradition ins Leben gerufen, von welcher meine Enkel dereinst ihren Enkeln und Urenkeln erzählen werden.

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