Suche
  • Admin

Briefe schreiben


Wien. Einmal mehr darf ich ein paar Tage in dieser wunderbaren Stadt verbringen. Mein Liebster weilt derweil in New York und ich wollte ihm einen Brief schreiben. Daher machte ich mich auf, um Briefpapier zu kaufen.

Das erste Geschäft betrat ich mit der Unbedarftheit –oder der Naivität – eines Kindes. Die Verkäuferin grüsste freundlich, mich dünkte, für den Ring in der Nase sei sie zu jung, er passte schlecht zu der Zahnspange. Ich hätte gerne, bat ich, Schreibpapier, extra dünn. Aha, war die lapidare Antwort und nach kurzem Nachdenken: „Ich glaube, das führen wir nicht. Wozu brauchen Sie es?“ „Briefe schreiben. Nach Übersee.“ Sie schaute mich aus grossen, erstaunten Augen an. „Briefe schreiben...“, wiederholte sie unsicher. „Ja, Briefe schreiben“, erwiderte ich. Sie bat mich einen Moment zu warten und erkundigte sich bei einer älteren Kollegin, die sich neugierig nach mir umwandte und den Kopf schüttelte. Ohne Papier verliess ich das Geschäft; zwei Schreibwarenhandlungen später fragte mich eine energische, ältere Dame nach meinen Wünschen. Sie nickte und ich dachte erfreut: na also, es geht doch! Sie tänzelte auf hochhackigen Schuhen nach hinten und winkte mir zu, ihr zu folgen. Vor einem Regal blieb sie stehen, rieb mit dem rotlackierten Nagel des Zeigefingers nachdenklich über ihr Kinn, als wolle sie ein kompliziertes mathematisches Rätsel lösen. „Da!“, ihr Finger stiess nach vorne, sie wies auf einen Packen Papier. „Das sind 500 Blatt“, wandte ich ein. Sie drehte sich zu mir um: „Das ist die Papierqualität, die Sie wünschten!“ „Ja“, lenkte ich ein, „aber nicht in der gewünschten Quantität, mein Liebster ist zwei Wochen weg und nicht drei Jahre – Gott sei‘s gedankt!“ „Wir haben hier das verlangte Papier“, beharrte die Dame. „Ja, aber nicht in der benötigten Menge“, entgegnete ich unwirsch. Die Frau wandte sich beleidigt ab, mein „auf Wiedersehen“ blieb unbeantwortet.


In der fünften oder siebten Papeterie bediente mich ein älterer Herr. Zwischenzeitlich formulierte ich meinen Wunsch sehr präzis: „Guten Tag. Ich möchte dünnes Briefpaier, etwa 100 Blatt, 40gr um nach Übersee zu schreiben.“ Er lachte ein unfrohes Lachen: „Liebe Dame, wer schreibt denn heute noch Briefe, sagen Sie es mir?“ „Ich“, entgegnete ich mit fester Stimme. Sollte ich mich gar deswegen schämen? „Meine Teure, damit gehören Sie zu einer aussterbenden Gattung Mensch!“ „Gut zu wissen“, sagte ich lakonisch mit eisiger Stimme. „Aber kommen wir zurück zum Thema. Haben Sie das Papier im Sortiment oder nicht?“ „Nein, wo denken Sie hin. Es wurde seit Jahren nicht mehr verlangt. Heute kommuniziert man per Mail, WhatsApp, Facetime, Twitter, MMS, Instagram und wie das neumodische Zeug sonst noch heisst.“ „Vielen Dank für die Aufklärung. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie nicht gerade dazu beitragen, um das Aussterben des Briefeschreibens zu verhindern.“ Ich verliess das Geschäft hocherhobenen Hauptes.

Werde ich nun, sinnierte ich, meinem Liebsten lediglich Postkarten schreiben können und wird unsere Liebe an nicht vorhandenem Schreibpapier scheitern? Ich kam nicht umhin mich zu fragen, wie viele Liebesbeziehungen bereits fehlendem Briefpapier zum Opfer gefallen waren. Ob das möglicherweise der wahre Grund für die hohe Scheidungsrate war? Kurzerhand marschierte ich zurück ins erste Geschäft und kaufte bei dem netten nasengepiercten Mädchen einen Schreibblock (75g/m2). Denn selbst wenn jeder Brief als Paket geschickt werden müsste, war es mir meine Liebe allemal wert – sie würde nicht an fehlendem 40gr-Papier scheitern!


47 Ansichten