Storch - Kranich - Schwalbe ...
Ihr kennt den Weg, ihr kennt die Zeit

Einem schwarzen Seidenband gleich

Hoch oben am herbstblauen Himmel

Schweben, tanzen, flattern sie

Wogenden Wellen oder Wolken gleich.

 

Sie berühren den Himmel, berühren mein Herz

In mir ist bittersüsse Wehmut und Fernweh

Geht nicht fort, möchte ich rufen

Beobachte bange, wie sie ihre Kreise ziehn.

 

Plötzlich wird das Seidenband zum Pfeil

Schiesst rasend schnell zur Erde nieder

Zersplittert, zerfällt, zerstiebt in tausend Stücke

Flatternde Schwingen und lautes Zwitschern.

 

Auf goldgelben Bäumen nehmen sie Platz

Singen vielstimmig jubilierend ihr Abschiedskonzert

Bevor Vogel um Vogel hoch in die Luft stiebt

Sich vereint mit dem nachtschwarzen Schwarm.

 

Zuckend, pulsierend, wie ein einziger Leib

Ziehen sie dichtem Nebel gleich Richtung Süden

Es gibt weder Zögern noch Zweifel noch Fragen

Sie kennen den Weg, sie kennen die Zeit.

 

Ich folge ihnen mit den Augen, rufe in die Weite des Himmels:

Kommt zurück. Im neuen Jahr, wenn's Frühling wird.

Oktober 19

Der Atem der Meere

Wellen schwappen

Streichelnd über deine Füsse

Sonnenstrahlen kitzeln

Wärmend deine Wangen

Windböen zerren

Säuselnd an deinem Haar

 

Am Rand der Welt

Trifft Himmel auf Erde

Verlieren sich Grenzen

Schmilzt zusammen, wird vereint

Luft und Wasser

Feuer und Erde

 

Welle um Welle

Der Atem der Meere

Herzschlag um Herzschlag

Der Puls deines Blutes

Du atmest, du fühlst, du bist

Lebensfülle und Glückseligkeit

September 19

Gletscher - Wann, so frage ich mich....

Wann, so frage ich mich

Hast du den Ersten von uns gesehen.

 

Du kanntest Tag und Nacht

Wind, Mond und Sterne.

Erstarrt, verankert warst du

Als gäbe es dich in alle Ewigkeit.

 

Bis irgendwann am untersten Rand deiner Zunge

Gras spross und über dir ein Vogel sang,

Die Sommersonne dich zum Weinen brachte

Und ohne dass du darum wusstest, dein Untergang begann.

 

Der erste Mensch störte schamlos deine Einsamkeit

Durchschritt dich, mass dich, als wäre er ein König.

Und die Sonne brannte auf dich, unerbittlich

Brachte dich ins Rutschen, liess dich bersten.

 

Zurückgezogen hast du dich nach und nach

Bis hoch hinauf, näher zum Himmel, zu den Sternen.

Doch dein Eis bricht, ist grau und dünn geworden

Was wird mit uns, wenn du nicht mehr bist?

 

Wenn dein letztes Eis zu Wasser schmilzt

Wird’s längst zu spät sein. Für uns alle.

Juni 19

Auf der Suche nach dem Sinn ....

Ich suche nach meines Lebens Sinn

Steht er geschrieben seit Anbeginn?

Hab ich Aufgaben, gar Prüfungen zu bestehn

Gibt es nur den einen, richtigen, Weg zu gehn?

 

Muss ich erfolgreich sein, überall und in allem

Darf ich unterwegs zaudern, stolpern, fallen?

Gehört zum Menschsein auch die Leichtigkeit

Und wie und wer bemisst gut gelebte Zeit?

 

Wer ist es, der am allerletzten meiner irdischen Tage

Gutes, Schlechtes, Vollbrachtes wägt mit der Waage?     

Bin ich es, ist es Gott oder eine unbekannte Macht

Die mich verdammt oder beschert mit paradiesischer Pracht?

 

Wahr ist, einzig im Hier und im Jetzt können wir Sein

Im endlosen Universum sind wir verschwindend klein

Und doch hat alles und jeder seinen Platz

Egal, ob Mensch, Schilfhalm oder Spatz.

 

Wir vermögen weder Sinn noch Zweck erfassen

Können es bloss annehmen, uns fallenlassen.

Ins Abenteuer Leben. Atmen, denken, fühlen

Achten, lieben. Und ganz am Ende - leise verglühen.

Juni 19

Klatschmohn

Klatschmohn leuchtet inmitten grüner Wiesen

Aufrecht und stark die behaarten Stängel

Fein gefältelte Blütenblätter, filigran und zart

In scharlachrote Blätter gebettet das schwarze Herz.

 

Rot wie die Abendsonne,

Wie Evas sinnliche Lippen

Rot, wie die Kirsche im Sommer,

Wie Santa Claus winterlicher Rock.

 

Du bist der anmutige Frühsommerbote

Tanzt im Wind, wiegst dich im roten Kleid

Beinahe liess ich mich täuschen von dir,

Meinte, der Sommer verginge nie.

 

Doch deine roten Blütenblätter welkten

Nur die Hülse blieb, mit honiggelber Krone

Die eine pflückte ich, trug sie nach Hause,

Bettete sie auf klatschmohnroten Samt.

 

Sie mahnt mich, dass alles kommt und geht

Sommer und Winter, Freude und Schmerz

Geburt und Tod, das Rad des Seins.

Im nächsten Jahr wirst du wieder blühn.

Mai 19

Lebe!

Tränen rinnen über Altfrauenhaut
Herzenstief, der Schmerz ist laut
gehört das Lachen nur der Jugend?
Altersleid ist keine Tugend!


Geniess das Leben in vollen Zügen
straf Sorgen und Altern Lügen
spüre deine Kraft, dein Glück, fliege
lebe stolz, dankbar und in Demut – siege!

Mai 19

Bergfrühling

Der Schnee schmilzt auf den Gipfeln

Tropft talwärts, speist Bäche und Seen

Sonnenstrahlen berühren winterblasse Erde

Und neues Leben streckt sich hin zum Licht.

 

Krokusse, Würmer, Gräser und Käfer   

Duften, wachsen, wuseln und sirren

Aus ferner Höhe ruft der Bussard

Der Wind streicht milde übers Land.

 

Laut pfeift die Mungge vor der Höhle

Die Gämse rupft grünes frisches Gras

Am Boden und in der Luft pulsierendes Leben

Kurz nur – vor dem nächsten Winterschlaf.

April 19

Mohamed hatte einen Traum


Mohamed ist nie zur Schule gegangen, der Weg war zu weit, die Familie zu arm. Er half seinem Vater bei der Arbeit, spannte den Esel vor die Karre und ging mit dem Vater Erde holen. Vier Stunden Weg insgesamt, ebenso weit war es, wenn sie die dürren Grasbüschel und verdorrten Sträucher für den Ofen sammelten. Mohamed lernte, die Erde mit dem Holzstock zu Krümeln zu schlagen, sie durchs Sieb zu streichen und mit Wasser zu einem geschmeidigen Teig zu kneten. Er lernte, die Drehscheibe mit dem Fuss sanft zu drehen und den Ton zu formen. Er trug Töpfe, Teller und Schalen zum Trocknen in den Hof, schichtete sie im Ofen auf und entfachte das Feuer, das drei Stunden brennen muss, bis der Ton hart und trocken ist.
 

Heute sitzt der Vater müde im Hof auf dem Boden, schaut seinem Sohn bei der Arbeit zu. Mohamed ist Mitte dreissig, ein kräftiger Mann mit strahlenden Augen. Er schlägt die Erde, formt Schale und Töpfe und sein kleiner Sohn schaut im aufmerksam zu.

Mohameds 'Atelier' ist eine Lehmhütte, die Arbeit verrichtet er am Boden sitzend. Seine Eltern und seine Frau hocken plaudernd im Schatten des Hofs, die Kinder spielen, der Esel steht in der Sonne, sein Ohren zucken.

Mohamed experimentiert mit neuen Formen und Mustern, er versucht ein etwas anders geschwungener Griff, er zieht den Rand der Schüssel höher oder streicht ihn weiter aus.

Schaut ein Reisender neugierig in den Hof, so bittet Mohamed ihn hinein, zeigt ihm sein Handwerk und lädt ihn zum Tee ein.

Mohamed ist stolz auf seine Arbeit, er verrichtet sie mit Freude und Hingabe. Als Kind hatte er davon geträumt, Mechaniker zu werden. Aber er hatte früh erkannt, dass dieser Traum nie in Erfüllung gehen würde und so hatte er ihn losgelassen, ohne Bedauern, ohne Groll und ist – wie sein Vater und sein Grossvater – Töpfer geworden. Er ernährt Frau, Eltern, Kinder, seine Arbeit erfüllt ihn, macht ihn glücklich.
 

Auf den ersten Blick sah ich eine erbärmliche Lehmhütte, ein Leben in Armut und voller Entbehrungen.

Aber als ich mich von Mohamed und seiner Familie verabschiedete, dachte ich, dass er in seiner Bescheidenheit und Demut ein reicher Mann ist, erfüllt von Dankbarkeit und Glaube und dass sich wahrer Reichtum zuweilen erst auf den zweiten Blick zeigt.

März 19

ich-schreibe-fuer-dich.com Texte Karin Ledermann

Wintersaat

Kalt, die Sonne eine matte Scheibe

Die Tage kurz, die Nächte dunkel

Kahle Bäume, stille Wälder

Alles ruht, alles schläft.

 

Doch tief unter Schnee und Eis

Unbemerkt im Schoss der Erde

Spriesst der Same, wächst das Korn

Strebt himmelwärts, dem Licht entgegen.

 

In des Winters Kälte wächst die Saat

Trotzt Frost und Wind und Sturm

Zeigt zaghaft erstes Grün

Lässt uns hoffen, nährt den Glauben:

 

Das Wunder Leben findet immer statt.

Januar 19