Frühlingsschnee

Unten im Tal hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Hier in den Bergen ist noch wenig von ihm zu spüren. Sie queren Schneefelder, an der Oberfläche ist er brüchig und harsch, unten weich und nass. Dort, wo kein Schnee mehr liegt, ragen – einem Versprechen gleich - Bergkrokusse aus der braunen Wintererde. Der Himmel zeigt sich im klaren, satten Frühlingsblau. Kleine Wolken jagen eilig von West nach Ost.Bei einer Berghütte rasten sie, breiten ihre Jacken am Boden aus, setzen sich und lehnen mit dem Rücken an die sonnenwarme Holzwand. Vor ihnen dehnt sich die sanft ansteigende, hügelige Landschaft, gesäumt von schroffen

Berggipfeln. Es ist still. Doch als sie in die Stille lauschen, hören sie das Seufzen des schmelzenden Schnees. Das Tropfen des Wassers, das Flüstern des Windes und fernes Vogelgezwitscher. Sie essen Brot und Käse, trinken heissen Tee.

Sie sitzen nahe beieinander. Vertraut zwar, aber im Wissen, dass es im anderen noch viel Unbekanntes, Verborgenes, Helles und Dunkles zu entdecken gibt.

Junge Liebe. Hoffnungsvoll. Jedes Mal wieder aufs Neue.
Unbelehrbar?
Hat das Leben ihnen nicht gezeigt, dass Liebe nicht unendlich hält, sich abnutzt. Vergänglich ist, wie der Schnee im Frühjahr.
Sie erzählen von ihren Verletzungen, Freuden, Enttäuschungen, Hoffnungen, Träumen, Erwartungen.

Sie ziehen Schuhe und Socken aus und stapfen barfuss durch den weichen Frühlingsschnee, halten das Gesicht der Sonne entgegen und als sie das Schreien eines Bussards hören, heben sie den Blick und folgen schweigend seinem Flug.
Sie sprechen über das Leben. Und über den Tod. Denn wenn die Mitte des Lebens vorbei ist, weiss man, dass dort, wo es Leben gibt, auch der Tod ist. Dass sie zusammengehören. Wie Tag und Nacht, Mann und Frau, Licht und Schatten, Freud und Leid.

 

Er zieht sich aus und macht im Schnee einen Engel. Die Flügel biegen sich anmutig, der Engel liegt tief und schwer im Schnee.
Sie schauen zu den Bergen, beobachten die Wolken, sehen in das Blau des Himmels, tiefer und tiefer. Blicken in die Unendlichkeit.
Das Leben ist gegenwärtig und wahrhaftig, warm pulsiert es in ihnen.
Die Schatten werden länger. Sie packen zusammen und schultern die Rucksäcke.
Sie schauen zurück auf den Schneeengel und die Spuren ihrer nackten Füsse, die bereits die Konturen verlieren.

Morgen, denkt er, werden die Umrisse des Engels verwischt sein; in ein zwei Tagen, denkt sie, wird es sein, als wären wir nie hier gewesen.

Und doch, sie sind hier gewesen und ihre Spuren weren, wenn auch im Schnee vergänglich und flüchtig, anderswo festgehalten für die Ewigkeit.

März 2020

Zum neuen Jahr

Die Nacht bricht an – wie unzählige zuvor,

Doch dieser hier liegt ein eigener Zauber inne

Denn Morgen ist dieses Jahr Vergangenheit

Vor uns liegt ein neues Jahr – die Zukunft.

 

Ach, wie töricht ist es zu hoffen,

dass in dieser einen Nacht alles anders werde.

Eine Nacht, nicht ungewöhnlicher als jede andere -

Gleichwohl einzigartig, wie jede Nacht, die war und sein wird.

 

Der Mensch wird sich nicht ändern über Nacht

Wird nicht erfahren Wandel, Erleuchtung, Metamorphose

Er wird bleiben, was er war und ist seit langer Zeit

Zerstörerisch, unreif, rücksichtslos und blind.

 

Aber in tausenden von Jahren – vielleicht

Wird der Mensch erwachen und sich wandeln

Er wird Sorge tragen zu seinem Erbe, der Erde

Zu allem, was sie belebt, bevölkert und umgibt.

 

Er wird begreifen, dass er nur zu Gast hier weilt

Staunend und ehrfurchtsvoll die Augen öffnen

Bemüht sein, zu heilen, was zu heilen ist

Sich erinnern, dass alles eine Seele hat.

 

Nichts mehr wird er sich Untertan machen

Er wird frei sein, endlich, wirklich frei

Im Einklang mit den Elementen wird er leben

... irgendeinmal ... das erhoff ich mir.

31.12.2019